
Drei Tage Sturm, gesperrte Straßen und eine Schranke, die nicht aufgeht. Wir geben auf, fahren nach Süden – und stehen am Ende doch nachts allein unter der Weltkugel.
Der Schneesturm ist durch, der Himmel klar. Wenn wir schon mal hier sind, gehen wir auch bei Tageslicht zum Leuchtturm. Wohin wir eigentlich wollen, steht seit Wochen fest: ans Nordkapp. Dass das die nächsten Tage zur Geduldsprobe wird, ahnen wir an diesem Morgen noch nicht.
Morgens am Leuchtturm
Leicht ausgerüstet, aber mit Skibrillen. Unser Tipp für den Winter im Norden: Skibrillen sind nicht nur zum Skifahren gut. Bei Graupel, der waagrecht von rechts kommt statt von oben, sind sie Gold wert.
Der Slettnes fyr gilt als nördlichster Leuchtturm auf dem europäischen Festland. Besichtigen kann man ihn im Moment nicht, schön anzusehen ist er trotzdem. Am Parkplatz steht ein Schild: No Camping – Parking only. Schwarz auf weiß. Wir haben nur geparkt. Über Nacht.
Zurück am Van: Die Heizung war nachts wohl etwas zu weit runtergedreht, drinnen hat es nur noch 17 Grad. Der Diesel-Zuheizer hat dafür den Motor schon auf 61 Grad Wassertemperatur gebracht, die Scheiben sind frei, die App meldet keine Sperren. Also los Richtung Nordkapp.
Zurück über die 888
Die 888 war auf der Hinfahrt ein Traum, und sie ist es wieder. Weite, weiße Hochebene, rosa Licht, sonst nichts. Das Thermometer fällt von -9 auf -10 Grad, später auf -14. „Sieht auch aus nach minus 10“, kommentiert Manni. Am Straßenrand sitzen Vögel, so gut getarnt, dass wir sie erst für Schneehaufen halten.
Weiter unten ist die Straße komplett vereist, man fährt wie auf einem Eispanzer. Die Winterreifen haben Grip, ein komisches Gefühl ist es trotzdem.
Für Zahlenfreunde ein Zwischenstand: 67 Stunden und 43 Minuten Fahrzeit, 6.575 Kilometer, Durchschnittsverbrauch 9,4 Liter. Normalerweise braucht der Van 10 bis 11. Liegt wohl an den Winterreifen und daran, dass man hier oben einfach langsamer fährt. Deutsche Autobahn ist das keine.
Elchspuren und Sahne
Wir schaffen weniger Strecke als geplant und bleiben auf einem Parkplatz mit Toilette, Mülleimern und Bänken. Geräumt wird er nicht, aber das sind wir inzwischen gewohnt. Um 15 Uhr ist es schon fast dunkel, es gibt riesige Frühlingsrollen, und der Plan für morgen steht: Es geht zum Nordkapp, komme was wolle. Zwei Nächte wollen wir oben bleiben und vielleicht sogar zum nördlichsten Punkt wandern, der noch ein Stück nördlicher liegt als das Nordkapp selbst.
Beim Tanken vorher wurden übrigens zwei von drei Karten abgelehnt, ohne Begründung, bei noch 100 Kilometern Reichweite. Die dritte hat dann funktioniert. Zur Belohnung gibt es Schokolade mit viel Sahne und Karamellsauce. Gesund ist das nicht, aber es gibt Energie, und das muss ja auch gesund sein.
Draußen im Tiefschnee entdecken wir am Abend Elchspuren. Als wir angekommen sind, waren die noch nicht da, da sind wir uns sicher. Der Polarlicht-Index ist gut, der Himmel leider zu.
Sturm auf dem Weg zum Nordkapp
Über Nacht gibt es 4 Zentimeter Neuschnee. Wir wühlen uns raus und fahren los. Etwa 130 Kilometer vor dem Nordkapp der erste Statusbericht: Das letzte Stück ist seit 23 Uhr gesperrt, davor fährt man nur im Konvoi. Dazu Sturm. Man muss das Lenkrad ganz schön festhalten, wenn eine Böe kommt.
Ein Tunnel kann da richtig entspannend sein: kein Wind, gute Straße. Leider ist er nur knapp 4 Kilometer lang. Frühstück gibt es an einem Rastplatz, und der hat beheizte Toiletten, mit Toilettenpapier. Sowas findest du sonst in Europa nirgends. Handynetz gibt es keins, das Satelliten-Internet findet auch nach fünf Minuten nichts. Manni arbeitet unterwegs aktuell vier Stunden am Tag, der Rest ist Überstundenabbau. Länger als einen Monat könnten wir eigentlich bleiben, aber um Weihnachten ist Schluss. Sonst reißen uns die Töchter den Kopf ab.
Am Schild der Gemeinde Nordkapp gibt es ein Beweisfoto. Falls wir gar nicht hochkommen, waren wir wenigstens in der Gemeinde. Dann wird es ernst: Die Straße ist spiegelglatt, der Seitenwind schiebt den Van Richtung Leitplanke, und bergauf hat man gefühlt zwei Millimeter Gaspedalweg zwischen „kommt nicht hoch“ und „rutscht“. Schneeketten haben wir dabei, aber Ford sieht für den Van eigentlich gar keine vor, weil vorne zu wenig Platz zwischen Reifen und Federbein ist. Unsere schmalen 7-mm-Ketten sind nur für den äußersten Notfall.
Für den Winter haben wir extra von AT-Reifen auf Nokian Hakkapeliitta CR4 gewechselt. Hier oben hätten wir uns zum ersten Mal zusätzlich Spikes gewünscht. Unser Fazit im Nordkapptunnel bei angenehmen 5 Grad: Wer keine Erfahrung mit Winterfahren hat, sollte diese Strecke bei solchem Wetter lassen.
Festgesessen in Honningsvåg
Kein Konvoi, kein Weiterkommen. Wir bleiben in Honningsvåg, und Manni ist platt. Edith fasst es so zusammen: Die Straße an sich wäre gegangen, aber der Wind versucht dauernd, dich von der Fahrbahn zu schieben, und ein Kastenwagen bietet ihm eine riesige Angriffsfläche.
Honningsvåg ist ein hübsches Städtchen mit Hafen, Weihnachtsbeleuchtung, einer roten Telefonzelle als Bücherbox und einem Weihnachtsladen, an dessen Eingang Edith zielsicher vorbeiläuft. Selbst zu Fuß bläst es einen fast weg. Die kostenlosen Parkplätze sind auf 12 Stunden begrenzt, und die Polizei kontrolliert tatsächlich. Also parken wir im Wechsel: tagsüber auf den 12-Stunden-Plätzen, nachts für 7 bis 8 Euro vor dem Rathaus.
Im Lokal kommt die nächste schlechte Nachricht: Morgen wird es noch windiger, Richtung Orkan. Wir sitzen fest.
Versuch Nummer 1
Die Nacht vor dem Rathaus wird nichts. Der Wind rüttelt den Van so durch, dass wir mitten in der Nacht zum Fußballplatz umparken. Dazu kommt ein kleiner Schreck: Die Dieselheizung läuft nachts auf kleiner Stufe, die Abgase kommen nur langsam raus, und der Wind drückt sie zurück, bis man sie im Van riecht. Der CO-Melder hat nicht angeschlagen, wir haben die Heizung trotzdem sofort ausgemacht und uns mit einer Wärmflasche beholfen. Morgens hatte es 4 Grad im Van. Für uns ein klarer Tipp: Ein CO-Melder gehört in jeden Van, und bei Sturm lieber einmal mehr nachdenken, wo der Auspuff hinzeigt.
Mittags wagen wir es trotzdem. Laut Wetter-App soll es oben weniger windig sein. An der Schranke heißt es aus der Touristeninformation: heute kein Konvoi mehr. Dann kommt doch ein Schneepflug. Wir hängen uns dran, in der blauen Stunde, durch Schneetreiben und Verwehungen. Es ist das Spektakulärste, was wir auf dieser Reise gefilmt haben. Es geht nur leider in die falsche Richtung: zurück runter nach Honningsvåg.
Bier für 15 Euro
Edith kocht scharfes Paprikageschnetzeltes mit Reis, der Reis ist noch aus Griechenland übrig. Abends geht es in die Brauerei am Hafen. Das Ambiente ist schön, das Bier lecker, der Preis sportlich: 15 Euro pro Glas. Im Supermarkt kostet der halbe Liter umgerechnet 4 Euro. Es bleibt bei einem. Auf dem Heimweg fährt ein Tieflader aus Spanien vorbei, mit einem spanischen Wohnmobil und einem Motorrad obendrauf. Holt er es ab, oder bringt er es her? Wir werden es nie erfahren.
Versuch Nummer 2 – und Aufgeben
Am nächsten Morgen stehen wir rechtzeitig an der Schranke. Gesperrt, komplett. Kein Konvoi, nichts. Die App sagt geöffnet, das Schild sagt geschlossen. Der Wetterbericht kündigt jeden Tag neues schlechtes Wetter an.
Also fahren wir mit getrübter Stimmung Richtung Süden. Falls sich jemand fragt, warum wir nicht schon früher umgedreht haben: Bei dem Wetter wäre auch die Rückfahrt heikel gewesen. Unterwegs wird es prompt traumhaft schön. An einem Rastplatz läuft ein kleines Rentier herum. Der neue Plan heißt Alta, die Stadt mit der Nordlichtkathedrale. Für die Ansage vor der Kamera braucht Manni übrigens 14 Anläufe.
Versuch Nummer 125
Dann meldet die App: Alle Straßen zum Nordkapp offen, ohne Konvoi. Auf der Webcam ist es zu sehen, die Schranke steht offen. Wir sind inzwischen 80 Kilometer weiter südlich. Die große Frage: zurück, mit dem Risiko, wieder vor der Schranke zu stehen? Wie oft fährt man im Leben hier hoch? Eben. Also umdrehen.
Die Ankunft ist im Dunkeln, natürlich, und die Anfahrt vereist, mit Böen und Schneeverwehungen. Aber diesmal ist die Schranke offen.
Nachts allein an der Kugel
Kurz vor halb vier am Nachmittag stehen wir am Nordkapp, 71°10′21″ Nord. Die Weltkugel haben wir für uns allein, und dazu tanzen Polarlichter am Himmel. Das Gefühl lässt sich kaum beschreiben. Das Warten hat sich gelohnt. Kalt ist es trotzdem, die Zehen frieren wieder ein.
Die Nacht wird stürmisch und fast schlaflos. Zweimal parken wir um: erst wie empfohlen hinter das Gebäude, dann dreht der Wind, also stellen wir uns längs. Damit stehen wir komplett falsch auf dem Parkplatz. Bei drei Autos ist uns das ehrlich gesagt egal.
Sonnenaufgang am Nordkapp
Dafür entschädigt der Morgen: Sonnenaufgang am Nordkapp, die Steilküste über dem Eismeer, die Kugel im ersten Licht und das Denkmal Kinder der Erde mit seinen Scheiben im Schnee. In einem kleinen Steinbunker auf dem Plateau haben sich unzählige Reisende mit Aufklebern verewigt.
Das Parken kostet für einen Camper mit zwei Personen umgerechnet etwa 15 Euro pro Tag. Das Geld geht in den Unterhalt von Parkplatz und Straße, und das finden wir völlig in Ordnung. Den Eintritt in die Nordkapphalle sparen wir uns allerdings. Eintritt zahlen, um dann drinnen einen Kaffee oder ein Souvenir kaufen zu dürfen, das muss nicht sein. Die Wanderung zum nördlichsten Punkt lassen wir auch: zu spät am Tag, und für die Nacht ist wieder Sturm angesagt. Vielleicht beim nächsten Mal.
Unser Fazit zum Nordkapp im Winter
Bei schönem Wetter wie an diesem Morgen ist die Strecke mit guten Winterreifen kein Problem. Wenn aber der Wind richtig aufdreht, die Verwehungen schneller kommen, als die Räumfahrzeuge hinterherkommen, und der Van Richtung Leitplanke geschoben wird, dann wird es grenzwertig. Auch für uns, und wir kommen aus den Alpen. Mit AT-Reifen würden wir bei schlechtem Wetter nicht hochfahren. Unsere Winterreifen haben einen super Job gemacht.
Und ja, der Umweg von 80 Kilometern hat sich gelohnt. Verrückt war es trotzdem.
Ausblick: Alta
Am Abend kommen wir in Alta an, bei -12 Grad. Die Nordlichtkathedrale ist sonntags geschlossen, das Schwimmbad mit Sauna hat um 17:30 Uhr zugemacht, wir sind um 17:40 Uhr da. Sonntag eben, alles zu. Immerhin gibt es Rentier-Burger.





































